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Was ist Biotopverbund?

Die Idee des Biotopverbundes basiert auf der Tatsache, dass die meisten Tier- und Pflanzenarten auf für sie spezifische Lebensräume angewiesen sind: so kommt beispielsweise der Frühlings-Enzian nur auf trockenen, offenen Rasen auf Kalkböden vor; die Brennnessel wiederum ist an sehr nährstoffreiche, nicht zu trockene Standorte gebunden; drittes Beispiel ist der Weißstorch, der vor allem feuchte Wiesen und Flachwassertümpel als Nahrungsquelle benötigt.

Frühlings-Enzian (Gentiana verna) (Foto C. Mayr)

Diese für die einzelnen Arten charakteristischen Lebensräume (Habitate) kommen aber nicht überall vor, sondern sind wie mehr oder weniger große Inseln in der Landschaft verteilt. Je größer eine solche Habitatinsel ist, desto größer kann die entsprechende Lebensgemeinschaft (Population) der Pflanzen- und Tierarten sein – schließlich haben auf größeren „Inseln“ auch mehr Einzelindividuen Platz. Im Umkehrschluss gilt: je kleiner eine solche Habitatinsel, desto kleiner ist die dort lebende Population.

Damit beginnen für viele Arten die Probleme: kleine Populationen haben nämlich ein größeres Aussterberisiko als größere Populationen. Das soll an einem weiteren Beispiel erläutert werden: Stellen wir uns zwei Populationen irgendeiner Art, z. B. des Auerhuhns vor - die größere besteht aus 50 Hähnen und 50 Hennen, die kleinere aus 2 Hähnen und 2 Hennen.

Auerhuhn (Tetrao urogallus) (Foto PAN GmbH)

Ansprechpartner der Projektgruppe BayernNetzNatur:

PAN Planungsbüro für angewandten Naturschutz GmbH (J. Sachteleben, C. Simlacher, N. Bernhardt)

StMUV Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (Dr. Rolf Helfrich)

Spinnen wir die Geschichte weiter: nehmen wir an, ein Fuchs hätte (aus seiner Sicht) das Glück in jeder der Populationen einen Hahn zu fangen: in der größeren Population wären danach immer noch 99 Tiere am Leben (also 99 von 100 = 99 %), während die kleinere nur noch aus drei Tieren bestehen würde. Drei von vier Tieren sind aber nur noch 75 %. Ein einmaliges, mehr oder weniger zufälliges Ereignis hat also auf kleinere Populationen wesentlich größere Auswirkungen. Wir brauchen jetzt nicht mehr viel Fantasie, um uns vorzustellen, wie mit wenigen weiteren solcher Zufälle eine kleine Population ganz aussterben kann. Wenn der Fuchs beispielsweise ein weiteres Mal einen Hahn erwischt, leben in der kleinen Population zwar immer noch zwei Hennen, diese können sich aber nicht mehr fortpflanzen, und irgendwann sterben auch diese.

Daher ist es logisch, wenn aus der Sicht der einzelnen Pflanzen- und Tierarten - und damit aus der Sicht der Naturschutzes (der diese Arten ja erhalten will) - die jeweils artspezifischen Habitate möglichst groß sind.

Die Größe eines Habitates ist aber nur einer von zwei wichtigen Aspekten des Biotopverbundes: die meisten Arten sind nämlich in der Lage, über nicht geeignete Lebensräume hinweg andere Habitate zu erreichen. Zum Beispiel der Apollofalter: seine Raupen leben an Weißer Fetthenne, die wiederum nur auf sonnenexponierten, steinigen Kalkböden wächst. Der Apollofalter kann als Schmetterling natürlich seine Habitatinseln im Flug erreichen.

Apollofalter (Parnassius apollo) (Foto PAN GmbH)

Dabei gilt: je näher zwei Flächen zueinander liegen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Apollofalter die zweite Fläche auch wirklich erreicht. Grund dafür kann zum Beispiel sein, dass auch der flugfreudigste Falter nach ein paar Kilometern schlapp macht und so kaum eine weit entfernte Habitatinsel erreicht. Durch die Wanderung von einem Habitat zum nächsten können natürlich auch verwaiste „Inseln“, in denen kleine Populationen ausgestorben sind, wiederbesiedelt werden.

Fazit: große Habitate besser sind als kleine und nahe beieinander liegende besser als weiter entfernte.

Biotopverbund im Kainsbachtal (Foto: H. Frobel)

Genau das ist die Grundidee eines Biotopverbundes: Um den Populationen der einzelnen Tier- und Pflanzenarten eine langfristige Überlebenschance zu geben, wird zum einen versucht, große Habitate zu sichern oder neu zu schaffen. Bei diesen großen Flächen spricht man häufig von Kernflächen eines Biotopverbundsystemes. Zwischen den Kernflächen liegende kleinere Flächen, in denen keine großen Populationen aufgebaut werden können, auf denen also einzelne Populationen immer wieder aussterben können, werden als Trittsteine bezeichnet. Diese kleinen Habitate können wichtig sein, um z. B. einen Austausch zwischen den Kernflächen zu ermöglichen. Das ist das Verbindende im Biotop„verbund“. Wenn der Austausch zwischen den einzelnen Habitaten entlang von prägnanten linearen Strukturen stattfindet, spricht man hier von Ausbreitungskorridoren. So wandern waldbewohnende Arten häufig entlang von Hecken, um den nächsten Wald zu erreichen.

Strukturreiche Kulturlandschaft im Falkensteiner Vorwald (Foto: M. Wagner)

Die Begriffe „Kernflächen“, „Trittsteine“ und „Korridore“ sind aber nur abstrakte Begriffe, die dabei helfen sollen, das Phänomen des Biotopverbundes zu verstehen. So kann z. B. aus der Sicht eines kleinen Sumpf-Grashüpfers eine Feuchtwiese mit einer Größe von 1 ha eine Kernfläche sein, während diese Wiese aus der Sicht eines Brachvogels bestenfalls ein Trittstein ist, da überlebensfähige Populationen dieser Art Flächengrößen von mehreren 100 ha benötigen. Diese Begriffe werden deshalb im bayerischen Biotopverbundkonzept auch nicht verwendet.

Daraus folgt aber, dass der Biotopverbund keine „Biotopautobahn“ ist, durch die bestimmte Lebensraumtypen (z. B. Wälder) durch gleichartige oder ähnliche Lebensräume (z. B. Hecken) unmittelbar verbunden werden. Wichtig ist nur, dass einzelne Pflanzen- und Tierarten für sie geeignete Habitate erreichen können. Gerade flugfähigen Arten ist es dabei egal, ob die einzelnen Biotope wirklich unmittelbaren Kontakt zueinander haben.